Zwei Beagles auf Segeltörn

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"Ob sie unsere Maybe unter all den chromblitzenden Jachten wiedererkennen werden?“ Wir blicken uns fragend an und versuchen, trotz des dämmrigen Lichtes, am schwankenden Steg mit unseren zwei Beaglerüden Schritt zu halten. Zielstrebig, nur ab und zu an Schlauchbooten oder Bordfahrrädern anhaltend, stürmen Ali & Robbi weiter durch die lauwarme Augustnacht. „Werden Sie jetzt …?“ – Tatsächlich, mit erhobener Schnauze stehen sie genau vor unserem Segelboot, dem schwimmenden Zuhause für den kommenden Monat. Ein leises Winseln – sie wissen, wohin sie gehören, stellen wir beeindruckt fest, und das nach über einem Jahr Abwesenheit. Soviel Zeit ist nämlich seit dem letzten gemeinsamen Segeltörn vergangen.
Für uns Zweibeiner ist es bloss ein gewagter Schritt, um über den Bug an Bord zu gelangen. Unseren vierbeinigen Crewmitgliedern bleibt jedoch die abenteuerliche Kletterei über ein schmales Holzbrett nicht erspart. Frei nach dem Motto „Wo ein Wille, da auch ein Weg“ schleichen zwei erbärmlich zitternde „Angsthasen“ über das Hindernis, um danach sichtlich erleichtert über das Holzdeck zu jagen.

Surfbrett und Schweineohren
Da die zweibeinige Crewhälfte nach zwölfstündiger Autofahrt und 700 Kilometer Asphalt ein wenig körperliche Bewegung als Ausgleich benötigt, wollen wir noch alles Gepäck an Bord bringen und verstauen. Tasche um Tasche wandert in den Rumpf des Bootes: Müsliriegel und Schweineohren, Surfbrett und Quietschmaus, Thermoskanne und Hundenapf – mit jedem Stück wachsen auch unsere Zweifel – „benötigen wir das wirklich alles und wo werden wir noch Platz finden?“ Weit nach Mitternacht ist das grösste Chaos beseitigt und der Weg in die Kojen gefahrlos und ohne Kletterei möglich – doch haben dort bereits Ali & Robbi ihren Platz gesichert und wollen ihn nur ungern mit den späten Störefrieden teilen …
Viel zu früh finden die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Luken und ich finde endlich Zeit, uns vorzustellen: Ali & Robbi, zwei 4-jährige Beaglerüden sind schon das dritte Mal an Bord der Maybe. Gemeinsam mit Petra und Erhard haben sie auch schon die Weiten Nordafrikas kennengelernt und sind auch sonst immer und überall dabei.

Mitteldalmatinische Küste
Unser Törn soll diesmal in Murter, einem Fischerort an der mitteldalmatinischen Küste beginnen und über die grossen Inseln Hvar, Korcula und Mljet bis nach Dubrovnik, der bekannten Handelsstadt in Südkroatien, führen – doch Stopp, eigentlich soll es ja ein gemütlicher Törn für uns alle werden, also lieber kleine Tagesschläge planen und öfters mal einen Bade- oder Wandertag einlegen. Die beste Planung und Vorbereitung helfen beim Segeln jedoch nicht, wenn das Wetter, vor allem der Wind dagegen spielt. An diese Grundregel werden wir gleich am ersten Tag erinnert: Ein kräftiger, fast schon stürmischer Nordwind, hier Maestral genannt, macht uns das Ablegen in der engen Marina unmöglich. Vier Hände und ein schwacher Dieselmotor haben wenig Chance gegen 12 Meter Bootslänge mit 10 Tonnen Gewicht bei ungünstigem Seitenwind. Wir machen das Beste aus diesem Tag, faulenzen ein wenig, erkunden mit Ali & Robbi die sonnenverbrannte Steinküste und finden einen Kiesstrand zum Baden.
Der nächste Morgen belohnt unser geduldiges Abwarten: Bei Sonnenschein und schwachem Wind legen wir zügig ab und freuen uns auf’s freie Segeln am offenen Wasser, das wir bald erreichen. Kaum ist die Genua ausgerollt und das Grosssegel gesetzt, nimmt unsere Maybe Fahrt auf und die 80 Quadratmeter Segelstoff bringen uns auf gute fünf Knoten Geschwindigkeit. Motor aus; herrlich, ohne Dieselmotorgeknatter laufen wir auf unser Tagesziel, eine kleine, unbewohnte Insel zu. Unter dem Sonnendach ertragen wir auch die Mittagshitze, da immer eine kühlende Brise durchzieht.
Zur Sicherheit unserer beiden vierbeinigen Begleiter haben wir ein feines Netz an der Reling befestigt, da ein Überbordfallen tödlich enden würde. Zusätzlich dürfen sie beim Segeln nicht frei an Bord herumlaufen, sondern werden im Cockpit kurz angeleint. In der Kabine können sie sich natürlich frei bewegen, was oft sofort zu einer spielerischen Rauferei führt. Einzig die unzählbaren feinen Haare, die vom Wind in alle Ecken verteilt werden, machen uns das Sauberhalten mühsam.

Hund über Bord!
Der letzte Windhauch treibt uns zwischen die bereits ankernden Jachten aus aller Welt – so einsam ist diese Insel wohl doch nicht mehr. „Wie tief hamma’s? Vier Meter – ok. Anker fällt!“ Bereits wenige Minuten später bruzzelt am Petroleumherd die Eierspeise und schnell entsteht aus Tomaten, Paprika und Zwiebel ein leckerer Salat in der engen Kombüse*, während der Skipper* die zwei ungeduldig zappelnden Rüden Richtung Ufer paddelt. Plötzlich passiert’s: Robin rutscht, am Schlauchbootbug stehend, ab und geht wie ein Stein unter. Ich sehe im dunklen Wasser gerade noch die weisse Brust und erwische in einer Blitzaktion ein zappelndes Bein – das war knapp! Robin sitzt wieder zitternd im Boot, spuckt Salzwasser und niest vor sich hin. „Das nächste Mal nur mehr mit Schwimmweste“, murmle ich in mich hinein.
Nach unserer Gassirunde auf dem Inselchen duschen wir die salzigen Rüden mit sonnengewärmtem Süsswasser ab, denn nichts ist schlimmer als Salz in der Koje. Noch lange sitzen wir beim Schein einer Petroleumlampe im Cockpit, zählen die unglaublich hellen Sterne sowie einige vorbeisausende Sternschnuppen und planen die weitere Reise.

Beengtes Bordleben
Guter Wind bringt uns in den folgenden Tagen flott von einer schönen Ankerbucht in die nächste. Genug Wasser, Diesel und Proviant an Bord ersparen uns das Anlaufen von stinkend heissen, überfüllten und hektischen Marinas. Langsam gewöhnen wir uns an das beengte Bordleben, ja trotz täglich veränderter Umgebung kommt so was ähnliches wie Routine auf. Langes Schlafen, denn meist gibt’s erst ab Mittag genug Wind, ausgedehnte Landgänge mit Ali & Robbin, Erkundungsfahrten mit dem Schlauchboot, natürlich auch Baden und wenn die Zeit nicht drängt, auch Surfen. Notwendig sind auch verschiedene Wartungs-, Reinigungs- und Reparaturarbeiten an Bord, Wetterbericht hören und vor allem neue Ziele unter Segel zu erreichen.
Für unseren gemütlichen Törn ist die Inselwelt Dalmatiens ideal geeignet: Viele Ankerbuchten liegen aneinandergereiht am Weg und so erreichen wir nach längstens 10 Stunden immer ein Plätzchen für eine ruhige Nacht, wo auch unsere Vierbeiner an Land können. Das „Gassigehen an Bord“ funktionierte bei unseren Tagestörns nicht, denn die Not war offensichtlich nie gross genug. 10 Stunden dürften für unsere Hunde keine wirkliche Herausforderung an die Blase sein.

Die Not mit der lieben Not an Bord
Von Langstreckenseglern mit Hunden, die tagelang unterwegs sind, erfuhren wir folgenden Trick: Ein markiertes Holzstück an die Reling gebunden und eine Schüssel Erde an Deck lassen den Hund seine Scheu vergessen. Und sobald er einmal sein Geschäft verrichtet hat, ist alles weitere bereits gewonnen. Ein Eimer Seewasser reinigt danach wieder das Deck.
Wenn dieser Trick bei anderen klappt, warum nicht auch bei uns. Also einen Ast an die Reling gebunden und abwarten … Bald schon entdeckt Ali den Stock – und beginnt daran zu knabbern. Wieder nichts. Als letzte Möglichkeit pinkelt der Skipper als Animation auf den Stock und hofft auf Nachahmer. Die wollen aber leider nicht. Also rein ins Schlauchboot und an Land mit den zwei Verweigerern. Dort geht’s auf einmal von alleine!

Windspiele
Heute klappt es gar nicht mit dem Wind: Erst eine leichte Brise aus Nord – wir setzen Grosssegel und Genua*, kaum sind beide Segel eingestellt, dreht der Wind auf Süd und wird schwächer. Hoffnungslos schaukeln wir in chaotischen Wellen; also Motor wieder an und um das Kap herum. Jetzt wird’s ganz windstill, aber die Welle wird nicht kleiner, also die Segel wieder runter, bevor eine Naht platzt. Endlich ist die schwierige Arbeit getan, kommt wieder Wind aus Nord auf, also ein letztes Mal Segel rauf! Wir wollen den Spinnaker setzen, unser 110 m2 grosses Leichtwindsegel. Gesagt, getan. Kaum steht das bunte Segel, wird der liebe Wind immer stärker, unsere Maybe immer schneller und der Druck am Steuerrad immer stärker. Jetzt aber schnell, das bunte Riesensegel muß wieder an Deck! Die Selbststeueranlage übernimmt das Ruder und wir sind erschöpft, aber froh, als wir das Segel in einem Stück wieder im Sack haben.

Delphine und Hunde
Nur mit einem kleinen Vorsegel laufen wir mit ganzen 8 Knoten* genau auf unser Traumziel zu: Dunkelgrün bewaldet ragen die steilen Ufer der Insel Mljet aus der Adria. Grosse Teile sind von Pinienwald bedeckt und als Nationalpark besser vor Waldbrand geschützt.
Eine Schule Delphine begleitet uns ein Stück des Weges und wir haben alle Hände im Einsatz, um Ali & Robbi an Deck zu halten. Zu gross ist ihre Aufregung – trennt uns doch nur eine Armlänge von den neugierigen Meeressäugern, die piepsend in der Bugwelle spielen.
Ziemlich erschöpft erreichen wir mit dem letzten Licht die malerisch schöne und hervorragend geschützte Polace Bucht. Alle vier Crewmitglieder beschliessen einstimmig, hier einige Tage zu rasten. Mit Wanderungen unter moosbewachsenen uralten Pinien im Nationalpark, Schlauchbootexkursionen zu Unterwasserfelsen, wo das Schnorcheln Spass macht und viel Surfen vergehen die nächsten Tage wie im Flug.

Meeresbeagle
Robin als begeisterter Schwimmer ist oft nur mit leichter Gewalt aus dem 27 Grad warmen Wasser zu bringen. Sogar am Surfen findet er Gefallen: Am Brett liegend begleitet er den Skipper quer durch die Bucht, während Ali am Ufer laut bellend die Aktion verfolgt.
An dieses stressfreie Leben könnten wir uns wohl gewöhnen, aber nach acht Tagen auf dem für uns schönsten Ankerplatz Kroatiens müssen wir wieder an die Heimreise denken. Dubrovnik können wir ja auch nächstes Jahr besuchen.
Gemeinsam mit einer befreundeten Jacht, die wir Tage zuvor getroffen haben, wollen wir die Stadt Korcula am Rückweg besuchen. In den engen Gassen der Altstadt erinnern nur Stromkabel und tropfende Klimaanlagen, dass wir uns nicht im Mittelalter befinden. Mit überraschend wenigen Touristen teilen wir uns ein uriges Kellerlokal, wo traditionelle Speisen am offenen Feuer zubereitet werden.
Ob Marco Polo „sein Geburtshaus“ jemals selbst gesehen hat, bleibt auch nach dem Besuch ein Rätsel, der Ausblick vom Turm über die Altstadt im Abendlicht ist jedoch zweifellos den Eintrittspreis wert.
Einige frisch gekaufte Brassen (prima Speisefische) wandern noch in die Tiefkühlbox, denn unsere eigenen Angelerfolge lassen zu wünschen übrig und Fisch ist in Restaurants häufig seinen oft horrenden Preis nicht wert.

Sommer ade
So sehr uns das Wetter bisher verwöhnt hat, will es uns jetzt wohl sagen, daß der Segelsommer bald vorbei ist: Eine Störfront nach der anderen erreicht die Adria. Regen, Gewitter, stürmische Nordwinde, aber auch Flaute quälen uns am Weg zurück in den Norden. Ankerwache in der Nacht und Aufkreuzen* am Tag werden zum Regelfall, Segeln in der Badehose ist Vergangenheit. Dazu kommt noch ein unwillig startender Dieselmotor – den Fehler finde ich erst nach einigen ungemütlichen Stunden im engen Motorraum.
Irgendwann kommt nach Regen auch wieder Sonnenschein, so auch bei unserem Törn. Guter Laune planen wir daher einen Abstecher zur Insel Zirje, wo eine Burgruine auf neugierige Entdecker wartet. Begeistert sammeln wir Tonscherben – vielleicht stand hier mal eine Töpferei? Doch die zwischen den Scherben lebenden Skorpione teilen unsere Begeisterung anscheinend nicht – also Alles wieder vorsichtig drauflegen und auf Wiedersehen Skorpion.
Am Ende unseres Törns laufen wir – in Gedanken noch irgendwo zwischen den Inseln Dalmatiens segelnd – in die Heimatmarina Murter ein. Fragend blicken mich Ali & Robbi am Deck stehend an: „Das wär’s für heuer?“ – „Tja, meine Seehunde, das war’s, aber wir kommen wieder, keine Sorge!“ 


* Seefahrerlatein:
Knoten: Geschwindigkeitseinheit (1 Knoten entspricht ca. 1,8 km/h)
Kombüse: Schiffsküche
Genua: Grosses Vorsegel
Skipper: Kapitän
Aufkreuzen: Gegen den Wind segeln – meist ungemütlich.

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