Zwischen Prügel und Pokalen – Die Siegerhunde des Alfred O.

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Ein hochprämierter Züchter von Deutsch Kurzhaarhunden, dem brutalste Übergriffe auf seine Tiere nachgesagt werden, ein Amtstierarzt, der Tierschützern das Denken untersagen will, ­wertvolle Zuchthunde, die im Zuge einer Beschlagnahme innerhalb von wenigen Tagen etliche Male hin- und herverschoben werden, Anzeigen, die angeblich stets im Sand verliefen, und ein Zucht­verband, der offenbar bis vor kurzem lieber beide Augen zudrückte als längst fällige Konsequenzen zu ergreifen. Und drumherum eine dicke Mauer aus Angst und Schweigen, die erst jetzt zu bröckeln droht, weil Menschen endlich wagen zu reden …

Was mit einer routinemäßigen Beschlagnahme im niederösterreichischen Bezirk Tulln seinen Anfang nimmt, liest sich wie eine schaurig-düstere Dorfsaga und bietet Stoff für einen Gruselkrimi der Extraklasse, Gänsehaut garantiert. Wie einem Bericht der Tullner Bezirksblätter zu entnehmen ist, wurden dem Züchter, Jäger und sogenannten „Meisterführer" Alfred O. am 9. Dezember 2014 18 Jagdhunde abgenommen, zwei ­Mutterhündinnen samt Welpen, zwei erwachsene Deutsch Kurzhaarhunde sowie eine Dackel- und eine Jagdterrierhündin. Weil er mit dem Erschießen seiner Hunde droht, wird Gefahr im Verzug ausgesprochen und alle Hunde werden unter Aufsicht von Polizei und Kriseninterventionszentrum in Sicherheit gebracht. Der mittlerweile 73-Jährige, übrigens auch aktives Mitglied der ortseigenen Feuerwehr, dessen grober Umgang mit seinen Hunden selbst in Jagdkreisen viel diskutiert (wenn auch toleriert) wurde, dürfte den Bogen offenbar überspannt haben, als er im vergangenen September seinen Hund „Burli" bei einer Prüfung coram publico misshandelte. Alfred O. hat dazu seine eigene Wahrnehmung: „Ich habe den Hund ein bisserl gestoßen". Weil der Hund gezogen hätte, habe er die Leine zurückgerissen, dass es den Hund im Kreis gedreht hätte. (Quelle Bezirksblätter Tulln).

Die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln
Warum erst jetzt gehandelt wird, bleibt bis dato ein gut gehütetes Geheimnis. Denn nicht erst seit vergangenem September hagelt es Vorwürfe gegen Alfred O., Anschuldigungen, die auch Hartgesottenen das Blut gefrieren lassen. Anrainer im ­Wohnort, einem 300-Seelendorf im Bezirk Tulln, wollen die Hunde vor Schmerzen brüllen gehört haben, wenn sie wieder einmal verprügelt oder „diszipliniert" worden seien. Widerspenstige ­Hunde sollen vor Prüfungen mit einem Stromgerät (Teletakt) „vorbereitet", Hunde, die nicht gehorchten oder „ihre Leistung nicht erbrachten", an der Leine so kurz aufgehängt worden sein, dass sie sich nicht hinlegen konnten, ohne sich zu strangulieren, andere Hunde seien an lebenden Katzen ­beutescharf ­„trainiert" worden.

Prügel, bis die Rippen krachten
Auf einen Hund, der auf einem Jagdwagen einen anderen Hund anknurrte, soll Alfred O. mit dem ­Gewehrkolben so hemmungslos eingedroschen haben, dass die Rippen brachen und der Hund vor Schmerzen schrie. Nur das Einschreiten von Jagdkollegen, die daraufhin nach eigenen Angaben selbst bedroht wurden, soll das Schlimmste verhindert haben. Ein anderer Hund soll an seinen Verletzungen nach einer derartigen „Züchtigung" gestorben sein. Welpen, die den strengen optischen Kriterien des Züchters nicht entsprachen, wurden angeblich gleich an Ort und Stelle „entsorgt", sprich erschossen, verscharrt oder in den Ofen (!) geworfen. Beweise gab es dafür nie, die Einen schwiegen aus Angst, die Anderen aus falsch verstandener Solidarität. ­(Manche Vorfälle sind inzwischen verjährt, bei allen gilt die Unschuldsvermutung). Erst aufgrund der medialen Berichterstattung brach die Mauer des Schweigens und Schritt für Schritt kommt ans Tageslicht, was sich jahrelang Grauenvolles hinter den Zwingermauern von Alfred O. zugetragen haben soll. Übrigens gab es laut Informanten, darunter auch viele Jäger (Namen der WUFF-Redaktion bekannt), bereits in der Vergangenheit Anzeigen gegen Alfred O., die jedoch allesamt im Sand verlaufen sein sollen.

Panne über Panne bei der Beschlagnahme
Doch auch wegen anderer Vorfälle ist der Mann bei Polizei und ­Gerichten kein unbeschriebenes Blatt, ein Beweis für die Tierquälerei gelang erstaunlicherweise nicht. Doch mit der kurzfristig verfügten Beschlagnahme der 18 Hunde im Dezember des Vorjahres ist das Leid der Tiere noch lange nicht zu Ende und die weitere Vorgangsweise führt bei den beteiligten Tierheimen zu Unverständnis und Ärger. Die Zuständigkeit für Beschlagnahmen im Bezirk Tulln betrifft das Tierheim Krems, das von der Aktion erst überhaupt nicht in Kenntnis gesetzt wurde. Der Tullner Amtsveterinär Dr. Christoph Hofer-Kasztler forderte seltsamerweise das gar nicht zuständige und vor allem für die Aufnahme von so vielen Tieren viel zu kleine Tierheim Königsstetten auf, alle 18 Tiere abzuholen. Das Chaos beginnt schon an diesem Tag, denn die Welpen der Mutterhündinnen werden bei der Amtshandlung vertauscht.

Lauter „honorige Herrschaften"
In einer vom Tierheim Krems koordinierten Hilfsaktion werden die Hunde am darauffolgenden Tag an mehrere Tierheime Niederösterreichs aufgeteilt und bestmöglich untergebracht. Vor allem für die beiden Mutterhündinnen samt Welpen bedeutet die erneute Verladung enormen Stress. Beatrice Aigner, Obfrau des Königstettener Tierheimes sowie des Klosterneuburger Tierschutzvereines über den Zustand der Tiere: „Die Muttertiere wirkten wie reinste Gebärmaschinen, alle haben extremes Angstverhalten an den Tag gelegt. Das hat nichts mit Erziehung zu tun, das entsteht durch extreme Unterdrückung und Gewaltausübung."

Doch plötzlich verfügt der Tullner Amtstierarzt eine Verbringung der Hunde auf private Pflegeplätze, wo sie seiner Meinung nach besser untergebracht wären, und verlangt die unverzügliche Aushändigung der Tiere an diverse Privatpersonen. Begründet wird die Entscheidung damit, dass es sich dabei um „lauter honorige ­Herrschaften, unter ihnen auch Ärzte" handle, zu denen Alfred O. laut Dr. Hofer-Kasztler keinen Kontakt haben darf (Quelle Bezirksblätter Tulln).

Die Obfrau des Kremser Tierheimes, Nina Zinn-Zinnenburg, dazu: „Die ­niederösterreichischen Tierheime haben seit vielen Jahren Erfahrung in der Unterbringung von beschlagnahmten Tieren. Wir wissen, welche Tierheime gerade freie Kapazitäten haben, wo im Augenblick die beste Betreuung möglich ist und wo es für bestimmte Rassen spezielle Betreuung gibt. Wir sind bestens gerüstet. Die Vorgangsweise des Tullner Amtstierarztes bleibt mir völlig unverständlich."

„Denken´s nicht so viel nach …"
Ein Blick ins Internet genügt und die Tierschützer stellen fest, dass es sich bei den „honorigen" Herrschaften ausschließlich um Jagdfreunde, sehr gute Bekannte und ehemalige Welpen­käufer des Züchters Alfred O. handelt. Als Vorstandsmitglied Helga Longin vom Tierschutzverein Bruck/Leitha nach den Gründen für diese Entscheidung fragt, kommt vom Amtstierarzt laut Longin die Aufforderung „nicht so viel nachzudenken, sondern einfach das zu tun, was angeschafft werde". Doch nun berichten auch Tageszeitungen und die Bezirksblätter über den Fall, brisante Fragen werden gestellt.

Gegenüber den Bezirksblättern be­stätigt der Tullner Bezirkshauptmann Andreas Riemer, dass ein Verfahren wegen eines ­Tierhalte- und Waffenverbotes gegen Alfred O. anhängig sei. Als Begründung für die Heraus­gabe der Hunde wird die ­kostengünstigere Unterbringung auf Privatplätzen genannt. Der Obmann des Tierheimes Bruck/Leitha, in dem Rüde Burli und Dackelhündin Waudi liebevoll betreut werden, Karl Delfs, ist tief erschüttert: „Wenn das Tierschutzgesetz zulässt, dass Personen nach einer behördlichen Abnahme indirekt weiter Verfügungsgewalt über ihre Tiere haben, kann das nicht im Sinne des Tierschutzes sein. Ein Tierschutzgesetz sollte Tiere schützen und nicht die Besitzer, denen sie zuvor abgenommen wurden."

Ein Mann versteht seine Welt nicht mehr …
Doch alle Anrufe bei den ­Behörden und der niederösterreichischen Tierschutzombudsfrau sind vorerst vergeblich. Kurzhaarrüde Burli, Dackelhündin Waudi und Jagdterrierhündin Waudi (der Züchter nannte beide Hündinnen Waudi) müssen den ­Privatpersonen ausgehändigt ­werden. Inzwischen gehen beim Tierheim Bruck immer mehr – durchwegs ­glaubwürdige – Hinweise ein, dass Rüde Burli in unmittelbarer Gefahr sei. Die ­Brucker Tierschützer entscheiden sich zu einem ungewöhnlichen Schritt. Sie kaufen den Rüden für 1.600 Euro frei und setzen alles daran, auch die verängstigte Dackelhündin Waudi ­wieder in ihre Obhut zu bringen. Doch Alfred O. weigert sich. Obwohl es für sie bereits liebevolle Interessenten gäbe, verbleibt sie nach wie vor in Zwingerhaltung bei einem Bekannten von Herrn O. Als die Brucker Tierschützer Impfpass und Papiere von Alfred O. abholen, treffen sie auf einen Mann, der seine Welt nicht mehr versteht. Er demonstriert den entsetzten Tierheimmitarbeitern, wie er Burli bei der Prüfung „ohnehin nur kurz mit dem Fuß gestoßen hat …"

6-maliger Platzwechsel zum ­„Wohle der Tiere"
Nach und nach werden auf Geheiß des Tullner Amtstierarztes innerhalb ­weniger Tage auch alle anderen Hunde aus den Tierheimen abtransportiert und zu den privaten Pflegestellen verbracht. Die Mutterhündin mit den acht Welpen geht nach ihren Kurzaufenthalten in Königsstetten und im Tierheim St. Pölten in die unmittelbare Nachbarschaft von Alfred O. Kaum dort angekommen, revidiert der Amtsveterinär seine Entscheidung. Da – wenig überraschend – der Züchter versucht, mit der etwa einen Kilometer entfernten Pflegefamilie Kontakt zu halten und die Haltungsbedingungen vor Ort nicht tragbar sind, müssen die Hunde nach einigen Tagen wiederum von Beatrice Aigner abgeholt und nach Königsstetten verbracht werden. Da dort nach wie vor keine Kapazitäten für so viele Hunde vorhanden sind, übersiedelt die Hundefamilie erneut ins Tierheim St. Pölten, wo ausreichend Raum und Personal für eine bestmögliche Betreuung zur Verfügung stehen. So schließt sich der Kreis …

Zwischen dem 9. und dem 20. Dezember 2014 wurden somit acht wenige Wochen alte Welpen und ihre ­Mutter insgesamt sechsmal jeweils von einer Sekunde auf die andere aus ihrem Umfeld gerissen und an einen anderen Ort verbracht. Dies alles auf Anordnung des Tullner Amtstierarztes Dr. Christoph Hofer-Kasztler, dem (laut Bezirksblätter) „primär das Tierwohl am Herzen liegt".

800 Euro pro Welpe in des Züchters Tasche?
Anfang Januar 2015 melden sich die ersten Käufer im Tierheim St. ­Pölten. Leiter Mag. Vet. Med. Davor ­Stojanovic: „Mit einer Delegation von ungefähr 15 Jägern erschien der Zuchtwart des Deutsch Kurzhaar Klubs, Johann Ecker, im Tierheim. Fünf Welpen wurden gleich an Ort und Stelle für 800 Euro pro ­Welpe verkauft." Am 5. Januar taucht Johann Ecker erneut im Tierheim auf, begleitet von fünf Personen. Mag.  ­Stojanovic: „Die Leute behandelten mich sehr von oben herab. Ich wünsche mir, dass wir wenigstens erfahren, wohin die Welpen und ihre Mutter verkauft wurden und ob es gute Plätze sind. Es tut uns so leid, dass diese armen neun Seelen so viel Leid ertragen mussten. Wir haben uns so sehr um die Kleinen bemüht, sie zu sozialisieren und ihnen ein wenig Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Es ist unverständlich, wie diese Aktion abgelaufen ist. Offenbar geht es nur ums Geld." Ob nun Alfred O. die Erlöse aus den Verkäufen einsteckt oder ob damit die Kosten für die Beschlagnahme beglichen werden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Das Schicksal der anderen Hunde
Vier Welpen und ihre kranke, neunjährige Mutterhündin werden erst im Tierheim Wiener Neustadt und danach beim Zuchtwart des Deutsch Kurzhaar Klubs, Johann Ecker, untergebracht, von wo sie nacheinander verkauft werden. Renate Wolfger vom Tierheim Wr. Neustadt:" Die neunjährige Hündin Dolly war in sehr schlechtem Zustand. Sie leidet laut Tierarzt am Cushing-Syndrom und ihre Blutwerte waren, gelinde gesagt, katastrophal. Neben der Schilddrüse am Hals hatte sie eine harte Geschwulst, die wir in der kurzen Zeit nicht mehr abklären konnten. Wieso mit dieser armen Hündin noch gezüchtet wurde, ist mir ebenso unverständlich wie die gesamte Vorgangsweise. Ich hoffe, dass sie bei ihrem Käufer wenigstens tierärztlich behandelt wird."

Ein Happy End und viele Fragen
Für den eineinhalbjährigen Deutsch Kurzhaarrüden Burli gibt es bereits kurz nach dem Freikauf wenige Tage vor Weihnachten noch ein Happy End. Eine Hundetrainerin und Jagdhundeexpertin schenkt ihm ein neues Zuhause, in dem er nie wieder getreten, geschlagen oder auf andere Weise gequält wird. Was mit Dackelhündin Waudi und Jagdterrierhündin Waudi weiter geschieht, war zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Ebenso standen die Antworten auf unsere Anfragen an Behörden und Zuchtverband zu Redaktionsschluss noch aus. Übrigens hat auch der niederösterreichische Tierschutzverband eine dringende Anfrage an die ­Tierschutzombudsfrau der ­niederösterreichischen Landesregierung gestellt. Auf eine Antwort auch von dort wird noch gewartet. Wir werden in unserer nächsten Ausgabe weiter über den Fall berichten.

Information

Alfred O. auf Homepage des Zuchtvereines

Interessanterweise findet sich der Zwinger von Alfred O. zu Redaktions­schluss Anfang Januar, also einen Monat nach der Beschlagnahme, nach wie vor auf der Homepage des Deutsch Kurzhaarklubs des ÖKV, ebenso alle Hunde des Züchters, die zum Verkauf standen. Kein Hinweis auf eine Reaktion oder einen Ausschluss aus dem Verband. Es stellt sich ohnedies die Frage, weshalb Zuchtwart und Verband offenbar in all den Jahren keinem der ­vielen Vorwürfe nachgegangen sind. In­sider berichten, dass die Hunde von ­Alfred O. in Jägerkreisen sehr begehrt gewesen seien, sodass man wohl die Augen zugedrückt hätte. Natürlich werden wir in der kommenden Ausgabe den zuständigen Zuchtverein selbst zu Wort kommen lassen.

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